yoga philosophie – patanjali – asana, mudra, svarupa, samadhi

Yoga Forum – 01/2012
Auf den ersten Blick sind asana nichts anderes als gymnastische Übungen. Auf einen zweiten Blick können sie Vorbereitung für Meditation oder Atemübungen sein. In 'Asana als Mudra' werden Asanas als Symbole oder als ureigene Form (svarupa) verstanden.

So gesehen können Asanas direkt in das Samadhi oder das Einssein führen.

.Asana ,Mudra, Svarupa, Samadhi

Die tiefste Form der Asanas ist Samadhi.

Asanas (Yogaübungen) in der Tiefe erfahren und verstehen lernen

Das heutige Verständnis von asana als Gymnastik oder Körperpositionen ist ein sehr Junges — nicht älter als ca. 100 Jahre — und führt auf keine lange Traditionslinie zurück. Die Asana-Praxis lässt sich allgemein auf B. K. S. Iyengars erfolgreiche Publikation „Light on Yoga“ aus dem Jahre 1960 zurückführen. Das Buch beinhaltet über 200 asana mit Illustrationen. Die asana können auf T. Krishnamachaja zurückgeführt werden, dann aber versiegen die Textquellen.

22 Asanas sind nach Tieren benannt, weitere 23 nach Naturobjekten wie Berg oder Baum, 17 nach Vögeln, 33 nach Heiligen oder Göttern und 83 Positionen sind lediglich Gymnastik Anweisungen wie zum Beispiel „Hand zum Fuß“.

In der Sivananda-Tradition wurde ein Buch mit ähnlichen asana aber anderen Bezeichnungen bereits 1954 von Swami Vishnudevananda unter dem Namen „The Complete Illustrated Book of Yoga“ veröffentlicht.
Während sich die Sivananda-Tradition in die Linie des Vedanta Shankaras (7. Jahrhundert) stellt, gilt dies nicht für die asana. Vedanta enthält Meditationstechniken beziehungsweise Unterscheidungshilfen, um das Selbst zu erkennen — zu denen keine asana gehörten.

In den klassischen Hatha-Yoga-Texten finden sich Beschreibungen von Körperpositionen, für die aber der Begriff „mudra“ verwendet wird. Auch die Hatha-Yoga-Pradipika aus dem 15. Jahrhundert beschreibt 15 Körperpositionen als mudra. Mudra bedeutet Körperhaltung und eine innere Haltung, die sich im Körper manifestiert. Mudra ist Eindruck und Ausdruck zugleich. Handgesten, sogenannte Hasta-Mudra, werden im indischen Tanz verwendet, um einer Stimmung Ausdruck zu geben. Im Yoga zum Beispiel bringt das Namaste-Mudra die Aufmerksamkeit auf das Herz zurück und das Herzbewusstsein wird eingeschrieben. In der Hatha-Yoga-Pradipika nimmt der ganze Körper ein mudra ein, das so genannte Kaya Mudra.

Von der Wortherkunft bedeutet mudra Siegel, Stempel, Aufdruck, Prägung. „Mudra ist sowohl das was einprägt (Siegel usw.) als auch das Zeichen was von der Prägung hinterlassen wird“.

Asana als Vorbereitung zur Meditation

>Asana sind Körperpositionen. Ursprünglich ist mit diesem Ausdruck aber die Art und Weise der körperlichen Sitzhaltung gemeint. Von der Wortherkunft bedeutet asana „sich setzen, ruhen“.
Anfänglich stellte sich die Frage, wo und wie eine Sitzhaltung auszuführen sei. Patanjali bezieht sich nur ganz allgemein auf die Art und Weise, wie das asana auszuführen ist und lässt den Ort der Ausführung offen. das asana soll „sthira sukham“, soll stabil und angenehm sein. Manche Yogalehrer heute übertragen das „sthira sukham“ auch auf den Bewusstseinszustand, der stabil und entspannt sein soll, und verwenden Körperpositionen als Vorbereitung für Meditation. In den Yoga-Sutren des Patanjali finden sich letztendlich weder weitere konkrete Hinweise auf asana, die über das textliche Verständnis des „sich hinsetzen“ hinausgehen, noch konkrete Beschreibungen von Körperpositionen.

>Asana als Mudra

Ab circa dem 6. Jahrhundert überschwemmte Indien eine neue Welle spiritueller Praktiken und Theorien, die heute in Indien unter dem Begriff Tantra zusammengefasst werden. In tantrischen Strömungen geht es um die Ausdehnung des Bewusstseins innerhalb eines energetisch beziehungsweise göttlich besetzten Körpers. Hatha-Yoga ist Teil oder Folge dieser Strömung, die den Körper als Mittel zur Transformation ansieht. Der menschliche Körper wurde nicht mehr als ein zu überwindendes Hindernis gesehen, sondern als innerer Raum für Freiheit und Glückseligkeit.

Während der Körper und die Sinne in der Blütezeit des Vedanta noch als Ausdruck und Symbol der Dualität der materiellen Welt bzw. der Illusion Maya gesehen wurde, entpuppte sich der Körper im Tantra als göttlicher Körper, „divya-deha“, als Ausdruck und Träger des Göttlichen selbst.

In Ritualen wurde der Körper durch mudra mit göttlichen Energien besetzt. Das mudra besitzt dabei die Kraft die Präsenz des Göttlichen herbeizurufen. Der ganze Körper stellt ein mudra dar und lädt durch die Position die Gottheit ein, sich zu manifestieren. Das mudra ist dann Ausdruck der im Körper präsenten Gottheit. Das mudra wird zu einem Mittel der Kommunikation zwischen dem Selbst und dem Göttlichen.

Asana als direkter Weg
Nach tantrischem Weltbild ist die materielle sichtbare Welt ein Abbild der göttlichen Realität. Jedes Wesen und jede Form wurzelt in einem entsprechenden Urbild (svarupa). Der Sanskrit-Begriff „svarupa“ bedeutet die ursprüngliche Natur, die wahre Natur von allem. Alle Wesen wurzeln in ihrem svarupa und sind so reales Symbol, Zeichen beziehungsweise. Ausdruck dieser Realität. Das Erkennen der Wahrheit ist der Prozess des Wiedererinnerns des Urbildes, der Wurzel oder des bindu.

Das Einnehmen einer Körperposition, eines asana als mudra kann in das Wiedererkennen der ursprünglichen Natur einer Form führen. Das asana ist dabei der Platzhalter, die materielle Form.

Die Kinderhaltung zum Beispiel mit Händen über dem Kopf kann als Form der Hingabe erfahren werden. Der Bewusstseinszustand reduziert sich auf den Archetypus Hingabe in der Form der Niederwerfung.

Die Kobra-Position kann als aufsteigende Energie (urdhva kundalini) verstanden werden. Das Urbild ist ein tatsächliche Schlange, die sich aus der Bauchkraft erhebt.

Im asana als mudra kann die weitere Vertiefung in die Urform (svarupa) in alle Formen führen, das heißt in das Einssein. Der höchste Zustand wird auch als das Formlose, die Leere (sunya) oder die Fülle (purna) beschrieben. Den asana als Körperübungen selbst wird die Möglichkeit zugesprochen, ein direkter Weg in die höchste Einheit zu sein, also nicht nur ein Mittel zu Vorbereitung von pranayama (Atemübung) oder dhyana (Meditation).

Bei Patanjali heißt es „svarupa sunja meva samadhi“, wenn svarupa Null wird, dann entsteht samadhi.

Bettina Bäumer: Mudra: die mystische Geste und ihre metaphysische Grundlegung, in: Bettina Bäumer: Trika. Grundthemen des kaschmirischen Sivaismus. Tyrolia Verlag 2003

Swami Vishnudevananda: The Complete Illustrated Book of Yoga, Crown Publications 1995

B. K. S. Iyengar: Light on Yoga, Thorsons 2001

N. Sjoman: The Yoga Tradition of the Mysore Palace, Abhinav Publications 2000

Eva und Henning Moog

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