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Energiespeicher Fuß

Yoga Anatomie – Energiespeicher Fuß – Fußgewölbe, Erdung, Verwurzelung

Yoga Aktuell Juni/Juli 2012

Energiespeicher Fuß: das dynamische Quergewölbe

Energiespeicher Fuß
Energiespeicher Fuss, Fußgewölbe, Aufrichtung, Erdung , Verwurzelung

Lotusfüße
Im Westen sind Füße meist Träger modischen Schuhwerks, pedikürt im Sommer ein Blickfang. In der alternativen Heilmedizin gibt es Fußreflexzonenmassagen und Akupunktur als Therapieformen. Lotusfüße sind in Indien Metaphern für die Füße von Heiligen, Gurus oder spirituellen Meistern. Es heißt, wer die Füße eines solchen Menschen berührt und sich diese Füße bei einer Niederwerfung über dem eigenen Kopf platziert, erfährt großen Segen.  Auf dem indischen Halbkontinent ist diese Art der Niederwerfung und Fußverehrung ein alltägliches Bild. Die Füße spiritueller Meister gelten  als besonders rein. Lotusfüße dienen als Sinnbild vollkommener Reinheit und Transformation. Aus dem Schlamm emporwachsend, bildet der Lotus über der Wasseroberfläche seine blühende Schönheit. Er ist stets mit dem Schlamm verbunden, seine Wurzeln sind tief darin vergraben, doch seine Blüte ist davon stets unberührt. Das Berühren der Füße soll Energie und die Kraft der Transformation für die eigene Entwicklung übertragen.

Die Wichtigkeit der Füße im Yoga ist auf zwei Ebenen gegeben: anatomische und energetisch. Yoga-Anatomie fragt nach der objektiven, optimalen Ausrichtung der Füße, aber auch nach dem inneren Gefühl bzw. der inneren Form. Wie fühlt sich ein stabiler und elastischer Fuß an? Findet der Körper seine korrekte Ausrichtung, dann kommt der Geist zur Ruhe und Balance stellt sich ein. Der Körper hat ein Gespür für die innere Form. Daraus ergibt sich eine an der Physis orientierte, anatomische Ausrichtung bei gleichzeitiger Bewusstheit über innere, energetische Formen und Verbindungen.

Die präzise Ausrichtung des Fußes ist auch für die Weiterleitung von Bewegungs- bzw. subtilen Energieimpulsen nach oben in die Aufrichtung der gesamten Wirbelsäule notwendig. Weist der Fuß Fehlhaltungen und Dysfunktionen auf, können Impulse nicht weitergeleitet werden. Rückenschmerzen können die Folge sein, ebenso energetisch-emotionale Blockaden. Der Aufbau von Asanas beginnt mit dem Fundament und das sind meist die Füße.  Ebenfalls können Verwurzelung und Erdung über den Fuß vermittelt und spürbar werden.

Der Fuß als energetische Schnittstelle
Der Fuß verbindet den Menschen mit der Erde, die Schwerkraft zieht den Körper  zur Erde. Im Stehen bzw. im Gehen wirkt die Lebensenergie (Prana) entgegengesetzt in die Aufrichtung nach oben. Auf feinstofflicher Ebene können Energien aus der Erde durch den Fuß in den Körper aufgenommen werden und aufsteigen oder vom Fuß in die Erde abgegeben werden. Der Fuß ist eine Schnittstelle zwischen abfließender (Apana prana) und aufsteigender (Udana prana) Energie. In Standpositionen verleiht er Standfestigkeit und Positionierung. Das Gefühl von Verwurzelung und Erdung kann über den Fuß  spürbar werden und symbolisch Einzug in den Alltag nehmen. Ist der Fuß in Standpositionen aufgerichtet und aktiviert, dann fließt die aufrichtende Energie (prana) entgegen der Schwerkraft weiter durch die Beine über die Hüften ins Becken und in die Wirbelsäule bis zur Kopfkrone. Der Fuß bewegt den Menschen beim Laufen und Gehen. Die Funktion des Fußes in Bewegungen ist das Abrollen und Abfedern. Dadurch kann ein  Flow-Effekt beim Wandern oder Joggen entstehen. Im Vinyasa Yoga entsteht der Flow über fließende Bewegungen und weiche Übergänge. Beim Thema Fuß kann die Elastizität des Fußes über die Fußwelle vermittelt werden. Bewegungsfluss und Leichtigkeit werden im Körper erfahrbar.

Fußgewölbe
Der Fuß ist ein sehr komplexes Gebilde, bestehend aus 32 Gelenken sowie zahlreichen Bändern und Muskeln, verteilt über Rück-, Mittel- und Vorfuß. Form und Funktion des (gesunden) Fußes werden durch seinen gewölbeartigen Aufbau bestimmt.  Dieser wird durch das Längs- und Quergewölbe gebildet.  Das Längsgewölbe spannt sich von der Fersenaußenkante schräg über den Fuß bis zum Großzehengrundgelenk . Durch die Balance aus der Verankerung der Fußaußenkante (Supination) und des Großzehnballen (Vorfuß-Pronation) findet der Fuß  durch eine Art Verschraubung optimale Stabilität. Das Quergewölbe befindet sich im Vorfuß zwischen Großzehen- und Kleinzehengrundgelenk.

Beim  Laufen und Gehen überträgt der Fuß durch das Abrollen die Belastungskräfte über das Fersenbein nach vorne auf das Quergewölbe. Durch das Nachgeben des Quergewölbes dämpft der Fuß die beim Auftreten entstehenden Stöße ab, leitet sie weiter als Energie nach oben in die Aufrichtung des Beckens und in der Wirbelsäule. Dabei federt er im Quergewölbe elastisch ab und nutzt die Kräfte, um sich entgegen der Schwerkraft  abzustoßen. Wie eine pulsierende Feder arbeitet der Fuß als Schnittstelle zwischen Boden und Körper.

Blattfederdynamik
Der Impuls für die aufsteigenden Energie aus dem Fuß ist im Quergewölbe verortet. Es gleicht in seiner Dynamik einer Blattfeder. Federn dienen häufig als Speicher für Energie. Wie eine Blattfeder kann das Quergewölbe absinken und sich dabei abflachen. Zusätzlich kann es sich wie ein Bogen spannen. Beide Positionen werden vom Fuß im Wechsel eingenommen, die verbindende Bewegung erzeugt eine elastische Dynamik mit einem aufschnellenden  Impuls nach oben. Verliert eine Blattfeder ihre Spannkraft, flacht sie ab und verharrt in einem ausgeleierten oder versteiften Zustand ohne Dynamik.
Im Yoga ist das dynamische Quergewölbe des Fußes wichtig für die energetische Leitfähigkeit und Durchlässigkeit von Impulsen aus dem Fuß durch die Beine, weiter in die Aufrichtung des Beckens und der Wirbelsäule.  Die pulsierende Bewegung des Abflachens und Aufspannens des Quergewölbes kann in seiner energetischen Wirkung wie die eines Bandhas betrachtet werden. Durch Muskelanspannung wird Energie angesammelt, durch die Entspannung wird die Energie schubartig in eine bestimmte Richtung gelenkt. Durch Anspannung der tiefen Fußmuskeln wird Energie im Fuß angesammelt, durch loslassen durch die Beine nach oben gelenkt. Ist das Quergewölbe zusammengebrochen, verliert der Fuß eine potentielle Energiequelle und Impulse bleiben stecken.

Quergewölbe Aufbau
Das Quergewölbe wird zwischen dem Groß-und Kleinzehengrundgelenk im Vorfuß wie ein Bogen aufgespannt. Es ist vor allem im unbelasteten Zustand aufgespannt, unter Belastung gibt es elastisch nach. Der knöcherne Aufbau des Gewölbes beginnt im Mittelfuß mit der Anordnung der Fußwurzelknochen. Hier rollt sich das Kahnbein (Naviculare) gemeinsam mit dem ersten Keilbein  (Cuneiforme) gegen das Würfelbein (Cuboideum) ein. Die dazwischen befindlichen Keilbeine werden – wie der Name schon sagt – gewölbeartig verkeilt. Der aktive Aufbau wird vor allem durch die kurzen, tiefliegenden Fußmuskeln geleistet. Das sind im Wesentlichen die Fußadduktoren mit Unterstützung der Zwischenknochenmuskeln und der Fußabduktoren.
Sind die tiefen Fußmuskeln unbeweglich, zu schwach und untrainiert, fällt das Quergewölbe zusammen. Der erste und fünfte Mittelfußstrahl rutschen zur Seite weg, die anderen Mittelfußstrahlen verlieren ihren Halt. Das Quergewölbe flacht dauerhaft ab. Die Muskeln werden unbeweglich und die Ansteuerung fällt schwer. Ebenso verhält es sich mit den Fußwurzelknochen. Kahn-, und erstes  Keilbein sowie das Würfelbein verlieren ihren Halt, rutschen weg und das Gewölbe bricht  ein. Ist das Quergewölbe nicht mehr aktiv, bleiben energetische Impulse stecken und der Energie – und Bewegungsflussfluss kommt ins Stocken.

Fußtypen
Typische Fußdeformationen mit zusammengesunkenen Quergewölbe sind Knick-, Senk-, Platt- und der Spreizfuß. Beim Knickfuß ist der Fuß insgesamt dauerhaft nach Innen in die Pronation abgeknickt. Dabei ist das Fersenbein fehlbelastet. Das Fersenbein steht nicht mehr senkrecht, sondern ist aus dem Lot geraten. Die weiterführende Statik nach oben zum Knie, zur Hüfte, zum Becken und Rücken steht auf einem schiefen Fundament. Der Plattfuß ist meist eine Kombination aus Senk- und Spreizfuß. Die gesamte Fußsohle liegt dann flach am Boden auf. Das Fersenbein und das untere Sprunggelenk weist eine Knickstellung zum Innenknöchel auf, das Fußlängsgewölbe ist abgeflacht und das Quergewölbe zusammengesunken. Ursache sind zu schwache Fußmuskeln. Der Fuß läuft ohne Schutz auf den Mittelfußknochen. Folgen sind Knieschäden, Bandscheiben und Rückenprobleme. Beim Spreizfuß ist das Quergewölbe durchgetreten, der Vorfuß ist verbreitert und liegt flach am Boden. Unterhalb der Grundgelenke  der  zweiten und dritten  Zehe befindet sich eine dicke Hornhaut. Die natürliche Fußsohlenpolsterung ist stark verringert. Der Spreizfuß läuft ohne Dynamik direkt auf den Knochen, der Vorfuß ist überbelastet .
Die Folge des Spreizfußes kann ein Hallux Valgus sein mit Schiefstand des großen Zehs im Grundgelenk. Das Grundgelenk knickt ab, der große Zeh wird nach außen gezogen und übt zusätzlich Druck auf die kleinen Zehn aus. Hammer- und Krallenzehen bleiben dann meist nicht aus. Wird diese Deformation nicht frühzeitig behandelt, kann es zu schmerzhaften und beeinträchtigenden Auswirkungen führen. Im fortgeschrittenen Zustand folgt in vielen Fällen die Operation, ohne das die Ursachen behoben wurden.

Quergewölbe wiederbeleben
Ist das Quergewölbe dauerhaft abgeflacht und inaktiv geworden, kann es in vielen Fällen wieder aktiviert und aufgebaut werden. Der Vorfuß muss mobilisiert und die kurzen Fußmuskeln in der Feinmotorik trainiert werden, was etwas Geduld und Wahrnehmungssensibilisierung benötigt. Meistens ist die Wahrnehmung in den kleinen Fußmuskeln nicht besonders ausgeprägt.

Mobilsierung des Quergewölbes
Um das Quergewölbe zu aktivieren, kann man es ganz einfach mit der Hand aufbauen. Setzen sie sich mit gestreckten Beinen auf den Boden und greifen sie mit beiden Händen einen Fuß jeweils am Groß- und Kleinzehengrundgelenk. Die Daumen liegen oben, die anderen Finger umgreifen unter der Fußsohle den ersten und fünften Mittelfußstrahl. Mit einer sanften Einrollbewegung rollen sie nun die beiden Pole spiegelsymmetrisch gegeneinander ein. Beobachten sie, wie sich das Quergewölbe aufbaut. Rollen sie nun die Mittelfußstrahlen wieder in die andere Richtung auseinander. Beobachten sie, wie das Quergewölbe abflacht. Finden sie einen langsamen und gleichmäßigen Rhythmus. Spüren sie die Elastizität und Beweglichkeit zwischen den Mittelfußknochen und versuchen sie, die Bewegung zwischen abflachen und aufspannen des Quergewölbes in seiner Dynamik wahrzunehmen.

Quergewölbe in Asanas
In Asanas ist die Aktivierung des Quergewölbes sehr vorteilhaft für die Stabilisierung und Aufrichtung in Standpositionen. Der Kontakt zum Boden kann besonders

gut entwickelt werden. Auf der energetischen Ebene kann durch die Aktivierung des Quergewölbes der Fuß als Energiequelle erfahren werden.

Tadasana
Richten sie sich in Tadasana auf und stellen sie die Füße eine Handbreit auseinander. Die Fußaußenkanten parallel. Spüren sie die Auflageflächen der Füße am Boden. Stabilisieren sie den Fuß im Längsgewölbe, Fersenaußenkante und Großzehenballen dabei in den Boden verschrauben.  Versuchen sie das Längsgewölbe während der Übung so gut es geht zu halten. Richten sie nun das Quergewölbe auf. Konzentrieren sie sich auf den Großzehenballen, üben sie etwas Druck darauf aus und senken sie ihn in den Boden. Lösen. Konzentrieren sie sich auf den Kleinzehenballen, üben sie etwas Druck aus und senken sie ihn in den Boden. Lösen. Nun wiederhohlen sie diese Übung gleichzeitig mit Groß- und Kleinzehenballen, bis sich das Quergewölbe zwischen  dem zweiten und dem vierten Mittelfußstrahl leicht aufbaut. Lassen sie dabei die Zehen entspannt und achten sie darauf, den Fuß nicht in die Breite zu drücken. Aktivieren sie die kurzen Fußmuskeln durch ein rhythmisches Wiederholen von Anspannung und Entspannung, Gewölbe aufbauen und abflachen. Denken sie sich den Aufbau des Quergewölbes von den Fußwurzelknochen beginnend und bis zu den Mittelfußknochen weiter gehend. Schließen sie nach einigen Wiederholungen die Augen und erspüren sie, wie Energie im Fuß aufgebaut wird. Spüren sie, wie der Fuß  Stabilität gewinnt und zugleich durchlässig wird. Lassen sie die Energie durch die Beine, ins Becken und durch die Wirbelsäule nach oben zur Kopfkrone fließen. Diese Übung erfordert viel Konzentration und Koordination. Mit der Zeit werden sie merken, wie die Fußmuskeln aktiver werden, der Fuß wie eine Pumpe Energie aus dem Boden holt und ein leichter Energiestrom aus den Füßen nach oben aktiviert wird.

Viraphadrasana 1
Stellen sie sich in die Position, das vordere Bein gebeugt, Schienbein senkrecht zum Boden, Knie über dem Fußgelenk, der Fuß ist gerade nach vorne ausgerichtet.  Richten sie den Fuß des gebeugten Beins im Längsgewölbe aus. Bringen sie dazu die Außenkante der Ferse in den Boden, den Großzehenballen in den Boden und nach vorne verlängert.  Aktivieren sie nun auch das Quergewölbe des vorderen Fußes. Stellen sie sich das Quergewölbe vor und  bauen sie es von den Fußwurzelknochen nach vorne auf. Die Zehen bleiben entspannt. Spüren sie die Kraft des Quergewölbes und richten sie den Fuß noch etwas mehr auf.
Das hintere Bein ist gestreckt, der Fuß ca. 30° nach vorne eingedreht. Die Fußaußenkante hat guten Bodenkontakt, der Großzehnballen drückt in den Boden und zieht sanft in Längsrichtung des Fußes nach vorne. Die Beine sind hüftbreit aufgestellt. Bauen sie das Quergewölbe genau wie im vorderen Fuß auf. Spüren sie beide Fußgewölbe, den Bodenkontakt und den Energieaustausch zwischen Füßen und Boden. Durch die Fußaufrichtung beginnt Energie durch die Füße in die Beine, ins Becken und die Wirbelsäule entlang nach oben aufzuströmen.

Mehr Fuß im Leben
Im Alltag kann die Aufmerksamkeit jederzeit zu den Füßen gelenkt werden. Docken sie im Laufe des Tages einfach immer wieder an der potentiellen Energiequelle Fuß an. Wenn sie am Schreibtisch sitzen, schlüpfen sie einfach aus dem Schuh heraus und aktivieren sie das Quergewölbe unter dem Tisch. Holen sie sich dadurch Energie.  Wenn sie gehen, versuchen sie, das Abrollen und Abfedern des Fußes in einen fließenden und federnden Gang zu übertragen. Der Körper wird mit einem Gefühl der Leichtfüßigkeit und Entspanntheit antworten.

Durch erhöhte Aufmerksamkeit würdigen sie ihre Füße.  Dort wo die Aufmerksamkeit ist, fließt auch Energie. Schauen sie sich ihre Füße an und erforschen sie durch die anatomische Ausrichtung des Fußes in den Asanas seine physischen wie energetischen Aspekte.

Author: Shala Berlin – Eva & Henning Moog

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