Heart opener - Das Herz öffnen

Yoga Anatomie – Heart opener – Herz Asanas

Heart Opener Weite, Leichtigkeit und Elastizität: Übungen für den Brustkorb
Text Eva und Henning Moog
Der Brustkorb (Thorax) ist ein ausgesprochen elastisches und flexibles Gebilde aus Knochen, Knorpel, Gelenken und fein verwobenen Muskelschichten. Vorne bilden das Sternum, hinten die Brustwirbelsäule und dazwischen grazile Rippen seine bienenkorbähnliche Form und umschließen schützend Herz und Lungen. Im Vergleich sind Schädel und Becken im Knochenbau weitaus rustikaler. Der Brustkorb ist an der Wirbelsäule aufgehängt. Über Rippen und Gelenkflächen an den Querfortsätzen der Wirbel geht er mit der Brustwirbelsäule eine elastische Verbindung ein. Vorne verbinden sich die Rippen auch über knorpelige Gelenkverbindungen mit dem Sternum.

Ein Ziel im Yoga ist es, einen elastischen und lebendigen Brustkorb zu entwickeln. Die Elastizität des Brustkorbs wird durch eine Mobilisierung der einzelnen Brustwirbel, der Rippen und des Brustbeins vorne erreicht. Die Brustwirbelsäule mit ihren 12 Wirbelkörpern ist der längste Teil der Wirbelsäule. Ihre Gelenkflächen stehen nahezu vertikal, wie die Achse einer Wendeltreppe. Damit erlauben die Brustwirbel vor allem auch Drehungen und Wendungen wie zum Beispiel beim Drehsitz, Matsyendrasana, oder beim Krokodil, Nakrasana, in Rückenlage.

Aber die Brustwirbelsäule erlaubt auch Vor-, Rück,- und Seitbeugen. Die Kobra-Position, Bhujangasana, ist ein Sinnbild für die Öffnung des Herzraumes. Das Bild des Lächelns zwischen den Schlüsselbeinen oder B.K.S. Iyengars Öffnen der „eyes of the chest“ beschreiben diese Öffnung sehr schön. Auf der physischen Ebene bewirkt das subtile Anheben des Sternums die Weitung zwischen den Schlüsselbeinen.

Der Brustkorb in der Bewegung Im Idealfall integriert sich der Brustkorb in die Bewegung von Becken und Kopf, wobei die unteren Rippen dem Becken, die oberen dem Kopf folgen. Die Brustwirbelsäule kann sich längen.

Beim Gehen und Laufen richtet sich die Wirbelsäule im Moment des Abstoßens vollständig auf. Der Bewegungsimpuls wird über das Becken an den Brustkorb und Kopf weitergegeben. Der vordere, obere Beckenrand hebt sich und verbindet sich mit den unteren Rippen. Das Brustbein und die oberen Rippen vorne streben in Richtung Kopf. So wirken unterschiedliche Bewegungsrichtungen im Brustkorb. Der Bewegungs- bzw. Energieimpuls wandert vom Beckenboden entlang der Wirbelsäule, durch das Brustbein bis in die Kopfkrone. Jeder Schrittwechsel erlaubt ein Zurückschwingen der Wirbelsäule in die Doppel-S-Form, einhergehend mit einem Absenken des Brustbeins und des vorderen Beckenrands, bis der andere Fuß wieder Kontakt mit der Erde aufnimmt. Beim Gehen und Laufen spricht man von einem frei schwingenden Brustkorb. Im Moment der Aufrichtung weitet und öffnet sich der Brustkorb, und im Wechsel zwischen den Schritten zieht sich der Brustkorb wieder zusammen.

Atmung
Mit diesen Bewegungsabläufen synchronisiert sich der Atem auf natürliche Art und Weise, bzw. lassen sich bei der yogischen Atmung entsprechende Bewegungsprinzipien aufzeigen. Ein beweglicher Brustkorb hat den Vorteil einer effizienten Atmung. Bei der vollständigen Einatmung richtet sich die Wirbelsäule insgesamt auf. Dabei heben sich die unteren Rippen hinten, die unteren Rippen vorne senken sich. Die Lendenwirbelsäule erfährt eine Streckung aus der Lordose heraus. Im oberen Brustkorb Bereich verhält es sich genau umgekehrt. Das Sternum und die oberen Rippen vorne heben sich, die oberen Rippen hinten senken sich. Die Brustwirbelsäule erfährt eine Streckung aus der Kyphose heraus. Bei der Ausatmung schwingt die Wirbelsäule wieder sanft in ihre Doppel-S-Form zurück. Das Ein- und Ausatmen erzeugt diese kontinuierliche Schwingung der Wirbelsäule, ein rhythmisches Ausdehnen und Kontraktieren. Das S der Wirbelsäule wird in die Länge gezogen und schwingt wieder zurück in seine Kurven.

Bei der yogischen Atmung wandert die Energie (der Prana) entlang der Wirbelsäule von unten nach oben, beim Ausatmen wandert sie wieder von oben nach unten zurück. Für einen guten Pranafluss ist „Durchlässigkeit“ das Zauberwort. Sind Brustwirbelsäule und Brustkorb durchlässig, durchströmt Prana bei der Einatmung das Brustbein und erweckt das Herz. Er verteilt sich über die Schlüsselbeine und weitet auch den Bereich zwischen den Schulterblättern. Die Muskeln und Zellen durchströmt Energie, und sie werden zu neuem Leben erweckt. Bei der Ausatmung zieht sich das Gewebe wieder zusammen, so dass viel Restluft ausgeatmet werden kann – jetzt ist Apana, die ausscheidende Energie, aktiv.

Asanas
Ein flexibler Brustkorb ist Voraussetzung dafür, dass Asanas wie Kobra (Bhujangasana), Brücke (Sethu-Bandhasana) oder Rad (Chakrasana) wohltuend auf die Gesundheit wirken. Ist der Brustkorb unbeweglich wie ein Kasten, entsteht Kompression im unteren Rücken. Dann bewegt sich der Brustkorb nur en bloque, d.h. mehrere Wirbelsegmente der Brustwirbelsäule sind unbeweglich und einzelne Wirbelsegmente der Lendenwirbelsäule werden überstrapaziert. Die weitverbreitete Anleitung „Hebe dein Brustbein!“ kann den Stress im unteren Rücken noch verstärken, wenn der Brustkorb nicht elastisch beweglich ist und dadurch der Druck in das Kreuz gehebelt wird.

Um den Brustkorb aus seinem Block zu befreien und beweglicher zu machen, sollte in den Rückbeugen eine Verbindung zwischen dem vorderen, oberen Beckenrand und den vorderen unteren Rippen des Brustkorbs erhalten bleiben. Damit ist gemeint, dass die Streckung des unteren, vorderen Brustkorbs in Richtung Becken ausgerichtet wird. Diese Verbindung zwischen Becken und Brustkorb über die Bauchkraft aufrechtzuerhalten, ist eine subtile Form von „Core Integration“. In amerikanischen Anatomie-Yogabüchern wird diese Stabilisierung des unteren Rückens auch einfach als „airbag“ bezeichnet. Das obere Brustbein steht in Verbindung mit den oberen Rippen. In Rückbeugen sollte es sich entsprechend weiter nach oben und nach hinten ausrichten, ohne Verengung der Schulterblätter. Der Brustkorb wird also vorne bildlich wie ein Gummiband auseinandergezogen. Die unteren Rippen vorn ziehen nach vorne unten, das Brustbein zieht nach oben hinten. Der obere Anteil des Brustbeins (das Manubrium) bildet mit den Schlüsselbeinen über das Sterno-Clavicular-Gelenk eine Verbindung.

Hebt sich das Brustbein in Verbindung mit einem Absenken der Schulterblätter, dann bewegen sich die Schlüsselbeine aus ihrer V-Stellung heraus in die Horizontale und können sich weiten. Das Gefühl des Herzöffnens ist damit verbunden. Der mittlere Anteil des Brustbeins (Schwertkörper) geht mit der dritten bis siebten Rippe eine Verbindung ein. Der Schwertkörper des Brustbeins sollte das Anheben des Brustbeins tragen, so dass die Rückbeugen – yogisch gesehen – vom Herz geführt und von dort in eine harmonische Ausrichtung gelenkt werden.

Die Arbeit an Computern oder das Lenken von Autos kann zu protrahierten Schultern führen. Dabei sind die Schultergelenke insgesamt nach vorne gezogen. Der Hals-Nackenbereich hinten verhärtet sich und vorne fallen die Schüsselbeine v-förmig nach innen und verengen den vorderen Brustraum. Die „eyes of the chest“, der Raum zwischen den Schlüsselbeinen, schließen sich und der M. Pectoralis minor wird verkürzt. Diese Dynamik kann zu der sogenannten „Trichterbrust“ führen. Der Brustkorb sinkt vorne dauerhaft ein, meist in Verbindung mit einem Rundrücken.
Geschmeidigkeit, Leichtigkeit und Anmut spiegeln sich sowohl in der Körperhaltung als auch im eigenen Körpergefühl wider. Ist der Brustkorb weit und geöffnet, kann sich auch das Herz öffnen. Offenherzigkeit ist schwer vorstellbar mit eingezogenem Brustbein und nach vorne gefallenen Schultern. „Lächeln“ dagegen die Schlüsselbeine und ist der vordere Brustbereich weit, strahlt dies Offenheit und Stärke aus.