Was bedeutet eigentlich Vinyasa Flow Yoga

Yoga Journal – Was bedeutet eigentlich Vinyasa Flow

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Der Artikel ist ursrpünglich im Yoga Journal unter den Titel ‘Vinyasa Flow Yoga – woher kommst du, wohin fliesst du?’ vollständig veröffentlicht. Er zeigt  die Entstehung und den Ursprung  des Vinyasa Yogas auf und, den gegenwärtigen Stand.

Worum geht es? Beim Vinyasa Flow  werden gerne die dynamischen Aspekte in den Vordergrund gestellt, so daß der Yogastil sich besonders für fitnessorientierte Anfänger eignet. Dahinter gibt es aber tiefere und subtilere Veränderungen und Erfahrungen in die Vinyasa Flow führen kann.


Von Eva und Henning Moog

So wie der heilige indische Fluss Ganges in den Himalayas dem Gletschertor Gaumukh entspringt und beständig frisch seinen langen Flusslauf bis in den Ozean nimmt, so fließt Vinyasa wie ein Strom von seinem Ursprung bis in die Gegenwart. Woher kommt Vinyasa Flow Yoga und wohin fließt er?

In den Mythen der indischen Kulte geht es um den Ursprung der Welt, ihre mythisch-mystische Entstehung und darum, sie zu begreifen um besser in ihr handeln zu können. Aus Mythen wurden Traditionen. Traditionen vermitteln Herkunft und Verlauf einer Lehre. Die Legende über die Entstehung des Hatha Yogas selbst steht in dieser Mythentradition. Demnach hat der Yoga- und Tantrameister Matsyendra in Form eines Fishes Shiva belauscht – in intimer Atmosphäre
beantwortete dieser seiner Gefährtin Parvati Fragen zum Yoga. Unser westlich rationales Denken stellt den Wahrheitsgehalt solch einer Geschichte in Frage,
doch es geht in Ursprungsmythen mehr um Symbolkraft, Weisheit und versteckte Botschaften als um den historischen Realitätsgehalt. Der mythische Ursprung von
Ashtanga Vinyasa Yoga ist nicht ganz durchsichtig und teils umstritten, eine klassische Traditionslinie nicht auffindbar. Doch lohnt sich der Blick auf den Urgroßvater der modernen Yogastile T. Krishnmacharya. Er sorgte Anfang des letzten Jahrhunderts für eine Wiederbelebung des Yogas auf der Basis von Hatha Yoga, denn über die Jahrhunderte war Yoga in Indien fast verschwunden. Krishnamacharya war Lehrer an der Knabenschule am Palast des Maharadschas von Mysore für Sanskrit, Yoga und Gymnastik. In wissenschaftlichen Ansätzen wird davon ausgegangen, dass Ashtanga Vinyasa in den 30- er Jahren von K. entwickelt worden ist – mit Fremdeinflüssen aus Wrestling und Gymnastik, aber mit yogischen Prinzipien.Krishnmacharya selbst war in dieser Anfangszeit sehr um die Verbreitung des Yogas bemüht. B.KS. Iyengar und Patabli Jois, Indra Devi und sein eigener Sohn Desikaschar waren seine direkte Schüler. Krishnamacharya selbst lernte bei einem Himalaya Yogi namens Yogeshwara Ramamohana Brahmachari, doch über Brahmachari ist kaum etwas bekannt.

Vi-Nyasa

Dem Wort kommt eine besondere Rolle zu: Im yogischen Denken zeigt es die Idee und ihre Verwirklichung an. Der Blick in die Bedeutung und den Ursprung des Wortes
Vinyasa sowie in seine Umsetzung ist aufschlussreich. Die Vorsilbe ‘vi’ bedeutet auf
bestimmte Art und Weise. Das Wort ‘nyasa’ – platzieren von Energie – bezeichnet im Tantrismus die Verbindung des eigenen Körpers mit der äußeren Welt oder dem kosmischen Körper. Im tantrischen Ritual, der Pooja, geht es darum (wie im Yoga eigentlich auch), den eigenen Körper in einen göttlichen Körper zu verwandeln. Die Eigenschaften einer Gottheit oder des Universums werden symbolisch und
mit Hilfe von Aufmerksamkeitslenkung, Mantra und Yantra auf den eigenen Körper übertragen. Es gibt zahlreiche Arten von Nyasa u.a. auch Heilungs-Nyasas. Dabei wird der betroffene Körperbereich mittels Aufmerksamkeitslenkung und Mantra energetisiert. Das Ziel ist das Wiederherstellen des Energieflusses und eine
ganzheitliche Harmonisierung zwischen menschlichen und kosmischen Körper. Dadurch soll die Gesundheit wieder hergestellt werden. Ein vereinfachtes Nyasa ist Yoga Nidra, bekannt als Tiefenentspannung in Yogaklassen. Auch hier werden Körperbereiche angesprochen und über das
Ansprechen zur totalen Entspannung gebracht. Dabei wird gemäß Niyasa in einer bestimmten Reihenfolge und auf bestimmte Art und Weise vorgegangen. Ein weiteres Beispiel für ein Nyasa ist die Verbindung von Asana und Cakra in den klassischen indischen Yogastilen. Auch hier wird in bestimmter Reihenfolge vorgegangen. Beginnend am Muladhara Cakra an der Basis der Wirbelsäule, Schritt für Schritt aufwärts bis zum Kronen Cakra, dem Sahasrara Cakra. Jedem Cakra sind eine oder mehrere Yogaposition zugeordnet, die auf eines der sieben Energiezentren wirkt. Von unten nach oben geleitet entsteht ein Upward Flow, von oben nach unten ein Downward Flow.

‘Art of Sequenzing’ – das moderne Vi-Nyasa

Der ukrainische Yogalehrer Andrea Lappa verglich verschiedene klassische Yogastile und erstellte eine allgemeine Lehre für den Klassenaufbau nach energetischen
Kriterien. Das ‘Art of Sequencing’ ist eine Vinyasa Methode zum bewussten und gezielten Klassenaufbau. Sie führt angehende Lehrer in ein körperliches Verständnis
des Energie-Flows im Vinyasa Yoga, durch das Platzieren der Energien und durch die Erfahrung des Kundalini Flows entlang der Wirbelsäule.Über verschiedene Nyasas im Körper durch Asana, Mantra und Pranayama eröffnet ‘Art of Seqeuncing’ neue innere Erfahrungsräume. Upward Flow, Downward Flow, Surya Candra Balancing durch Energieverlagerungen in die rechte-linke Körperseite, Vinyasa Flows anhand der 5 Elemente oder den Bewegungsrichtungen der Gelenke, Mandala Vinyasa in alle Himmelsrichtungen – dem Flow werden keine Grenzen gesetzt. Wenngleich die Kombinationen nicht beliebig sind, sondern in Harmonie mit den universalen Prinzipien stehen. ‘Art of Sequencing’ ist eine Methode für die eigene Praxis und für das Unterrichten von moderne Vinyasa Flow Klassen.
Der Effekt ist ein Verstehen und Lernen der Energie im Yoga. Die Yogaklasse kann als Sadhana, als tantrisches Ritual erfahren werden, worin der eigene feinstoffliche,
energetische Körper und der kosmische Körper in Verbindung treten und der Yogazustand im Selbst erfahren wird.

Vinyasa Krama

Ein wichtiges Prinzip im Vinyasa leitet sich aus dem von Krishnamacharya geprägten Begriff ‘Vinyasa Krama’ ab. Vinyasa Krama ist der stufenweise Aufbau, bzw. was wir wann, wie und in welcher Reihenfolge tun. Im Vini Yoga wird Vinyasa Krama als stufenweiser Aufbau einer Sequenz entsprechend der individuellen Konstitution verstanden. Bei Shiva Rea findet sich das Vinyasa Krama als Modifikation oder Alternativübung wieder. Vinyasa Krama bezieht sich nicht nur auf Körperpositionen. Es ist genauso wichtig für den stufenweisen Aufbau innerer Prozesse. Im Pranayama etwa gibt es bestimmte Übungen, die für Anfänger geeignet sind. Andere teils intensivere, teils subtilere Übungen, setzen einen Reinigungsprozess voraus. Im Kundalini Prozess, einer Pranyama Praxis mit Bandhas und Mudras, bedeutet ‘Vinyasa Krama’ das ‘richtige timing’. Jede Übung, vor allem jede neue Übung, sollte zum
richtigen Zeitpunkt eingesetzt werden, vor allem nicht zu früh. Überengagierter Ehrgeiz oder kopflastige Entscheidungen können dazu verleiten, fortgeschrittene
Übungen zu Beginn zu machen. Doch dann eröffnet sich womöglich kein neuer Raum, sondern emotionales Chaos bricht aus oder das Ego wird eher verstärkt. Also alles zu
seiner Zeit und aus einer guten Intuition heraus. Wie eine Welle, die in Schwingung versetzt wird. Eine Welle ist per Definition Bewegung purer Energie. Das Wasser bleibt an der gleichen Stelle und ist als solches der Energieträger. Dementsprechend ist Vinyasa Krama die führende Energie und der Körper der folgt.

Flow

Von zentraler Bedeutung im körperlichen Yoga ist der mittlere Energiekanal Sushumna, der das Energiezentrum im Becken mit dem Kopfraum verbindet. Kommt hier der Energiefluss richtig zum Laufen, dann erfahren wir im Kundaliniprozess intensive und transformierende Bewusstseinszustände. Das Auf- und Ab der Energie entlang des mittleren Energiekanals ist der Energiekreislauf im Yoga. Die Verbindung zu Sushumna erzeugt in uns ein Flowgefühl z.B. durch die Wirbelsäulenatmung. Dabei wandert die Aufmerksamkeit mit der Einatmung nach oben und mit der Ausatmung nach unten. In Kali Rays Triyoga Flows wird die Wirbelsäule in den Übergängen Wirbel für Wirbel bewegt, so das die Energie entlang der Wirbelsäule von unten nach oben fließt. Das Wechselspiel von Rückbeuge- und Vorbeuge in den Übergängen heißt im Vinyasa Flow ‘wavemotion’. Bauchkraft (core integration) zieht Energie im Zentrum zusammen und Rückbeugen dehnt sie zum Herzen und zur Kopfregion aus.

Quo vadis – Offen und verknüpft zwischen Himmel und Erde

Vinyasa Flow hat eine besondere Stellung in der Yoga Szene. Sequenzen werden kreativ kombiniert, Asanas neu erfunden. Es gibt keinen Guru an der Spitze, ebenso wenig eine hierarchische Organisation oder eingrenzende Trademarks. Vinyasa Flow Yoga ist frei und definiert sich aus sich selbst heraus. Eine Art ‘open source’ der modernen Yogastile. Der Erfahrungshorizont der Schüler/innen und Lehrer/innen bestimmt, was darunter verstanden wird und wie es ausgeführt wird. So finden sich
viele Variationen. Ein sportliches Verständnis zeigt Vinyasa als Fitnesssystem, weil die
dynamischen Übungen besonders gut erlauben, Kraft und Ausdauer zu trainieren. Sie lassen sich zudem ästhetisch als Tanzchoreografien komponieren, so taugt Vinyasa Flow auch als Yoga der Tänzer. Im yogischen Sinne bedeutet der Vinyasa Flow die Verbindung mit dem eigenen Zentrum im Körper und zum Kosmos. Vinyasa Flow wird zur Erfahrung der Yoga-Energien und des Durchströmen Lassens des Körpers von purer Energie. Es ist das Verschmelzen mit der Einheit, die wie ein kosmischer Puls die Vielfalt aus sich heraus
erschafft und diese wieder in sich absorbiert. Unendlich und unaufhörlich.Vinyasa Flow verbindet indische Tradition mit der westlichen Kultur. In Indien wird die Spiritualität des Westens als Herzkultur verstanden. Das Herz steht wie Vinyasa Flow für innere ethische Qualitäten, aber auch für positive Handlungen. Und hier kann Vinyasa Flow über die Verbindung innen und außen, oben und unten, Energie und Bewusstsein oder kurz gesagt über Herz und den Flow der Liebe seinen eigenen Ursprung finden.